Die Geschichte von der Heilung des Blinden hat bei mir bisher meist für Unbehagen gesorgt. Das hat verschiedene Gründe. Einmal finde ich diese Sache mit dem Brei aus Jesu Spucke und Erde echt komisch, wenn nicht sogar ein bisschen eklig. Nichts gegen Jesus, aber seine Spucke auf meinen Augen würde ich dann doch nicht haben wollen!
Der viel größere Grund für mein Unbehagen ist allerdings die wundersame Heilung selbst. Ich selbst komme aus einem Medizinerhaushalt und bin selbst sehr wissenschaftsgläubig. Ich liebe Daten und Fakten und ordne mein Leben an vielen Stellen nach statistisch belegten Erkenntnissen. Da passt so ein Wunder natürlich überhaupt nicht rein. Es hinterfragt mein aufgeklärtes Weltbild und ist deshalb eben irgendwie beunruhigend.
Ich kann deshalb die Pharisäer hier so gut verstehen, wenn sie sagen: „Ganz klar, der war gar nicht blind! Alles fake!“ Ich habe mir dieses und auch andere Wunder von Jesus deshalb lange ähnlich erklärt: Jesus war einfach ein guter Menschenkenner und die Blindheit war bestimmt eher psychosomatisch, also der Ausdruck von psychischen Problemen bei dem Blinden. Oder auch: Naja, das ist ja auch irgendwie mehr so als Bild zu sehen. Jesus öffnet uns im übertragenen Sinne die Augen. So konnte ich mir die ganzen vielen Wunder von Jesus lange Zeit „wegerklären“ und kleinreden.
Bis ich an Ostern einmal einen verstörenden Gedanken hatte: Die Auferstehung ist ja auch so ein Wunder! Sogar ein unermesslich viel größeres Wunder. Im Vergleich zu dieser Geschichte der Löwe zur Hauskatze! Dass die Auferstehung aber genauso passiert ist, war und ist für mich aber ein absolut zentraler Bestandteil meines Glaubens. Ohne an dieses Wunder zu glauben, könnte ich meinen Glauben an Jesus ehrlich gesagt auch gleich sein lassen. Aber wie passt das bitte zusammen? Ich glaube daran, dass Jesus von den Toten auferstanden ist (!!!) und nicht daran, dass er einen Blinden geheilt hat? Das macht ja wirklich gar keinen Sinn!
Ähnlich ist es übrigens mit dem Brei: Ich finde die Vorstellung eklig, Jesus Spucke auf meinen Augen zu haben, aber esse beim Abendmahl sein Leib und sein Blut? Das ist wohl wesentlich krasser als Spucke!
Ich glaube übrigens, dass diese Parallelen zur Auferstehung in dieser Geschichte kein Zufall sind. Der Evangelist Johannes erzählt in seinen Geschichten immer größere und heftigere Wunder, die in der Auferstehung gipfeln. Er bereitet mich behutsam vor auf das ganz große Wunder am Schluss.
Umgekehrt funktioniert das für mich übrigens inzwischen auch: Weil ich an die Auferstehung glaube, glaube ich inzwischen auch, dass die Heilung des Blinden und all die anderen Wunder passiert sind. Auch wenn es mir immer noch manchmal schwer fällt..
Ante von Postel
Die Andachten für die Sommerzeit wurden von Jugendlichen, Teenagern und jungen Erwachsenen der Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK) in Deutschland verfasst.
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