Das hat er nicht gesagt? Das kann sie doch nicht ernst meinen! Diese Meinung ist für mich unverständlich. Ich schlucke. Hole Luft. Und platze. Ich ziehe in den Krieg. Argumente? Hab ich. Ohne Ende. Ein Wortschwall bricht aus mir heraus. Harsch zähle ich auf, was ich an dieser Aussage kritisch finde. ÜÄberraschenderweise ändert das wenig. Die Stimmung wird kühler. Das war‘s.
Das ist ein Grund, warum ich manchmal auch nichts sage. Ich schlucke herunter. Beiße mir auf die Lippen. Haue ab. Verstumme. Überraschenderweise ändert das wenig. Meine Laune wird schlechter. Das war‘s.
Immer wieder treffe ich auf Menschen, die eine andere Meinung haben. Anders denken. Im Glauben. Im Alltäglichen. Im Politischen. Wie gehe ich damit um?
So macht’s Jesus.
Sein Gegenüber ist überzeugt: Jesus ist ein Gotteslästerer. Dieser Vorwurf wird ihm an den Kopf geknallt. Mehr noch. Das Gegenüber hat das Urteil bereits getroffen. Es werden schon Steine aufgehoben, um dieses Urteil zu vollstrecken.
Und Jesus? Weder schießt er zurück, noch verschwindet er. Er fragt nach. Und als sein Gegenüber mit der wieder gleichen Aussage antwortet, geht er tiefer darauf ein.
Aber nicht von oben herab. Als hätte er die Wahrheit mit Löffeln gefressen. Nein. Er geht in den Dialog. Er versetzt sich in das Denken und die Argumente seines Gegenübers. - Das kann er gut. Juden und Jüdinnen stehen vor ihm. Und Jesus selbst ist Jude. Auf diese Weise spricht er zu seinem Gegenüber: Er bringt einen Schriftbeweis, einen Vers aus den Psalmen. Und argumentiert, genauso wie ein Rabbi es auch täte. Er kommt vom Schweren zum Leichten: Wenn Gott selbst die Israeliten als Götter bezeichnet, dann ist Bezeichnung als Sohn Gottes doch nicht weiter schlimm? Doch genauso wie er auf sein Gegenüber zugeht, bezieht er unmissverständlich Position. Er steht für sich und seine Haltung ein: Der Vater ist in mir und ich bin im Vater.
Der Dialogversuch verändert nichts. Sein Gegenüber will Jesus festnehmen. Und nun setzt er eine klare Grenze. Er entzieht sich der Situation.
Das hat sie nicht gesagt? Das kann er doch nicht ernst meinen! Diese Meinung ist für mich unverständlich. Ich schlucke. Und hole Luft. Und probiere es einmal:
Ich frage nach.
Ich lasse mich ein auf das Anders-Denken meines Gegenübers. Ich will ehrlich verstehen.
Und trotzdem äußere ich ganz klar meine Position.
Ich bin gespannt, welche Gedanken sich in mir weiterentwickeln.
Doch auch ein Dialog hat Grenzen.
Nicht jedes Gespräch werde ich führen.
Wenn ich in Gefahr bin. Wenn ich von den diskriminierenden Äußerungen meines Gegenübers betroffen bin. Wenn mein Gegenüber den Dialog verweigert.
Dann ist es richtig und wichtig, dass ich mich dieser Situation entziehe und meine Grenzen achte.
Anna-Lena Wiblishauser, Heilbronn
Die Andachten für die Sommerzeit wurden von Jugendlichen, Teenagern und jungen Erwachsenen der Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK) in Deutschland verfasst.
Sie spiegeln die Breite des Glaubens und Denkens von jungen Menschen wieder. Die Verantwortung für den Inhalt liegt deshalb bei den AutorInnen.
Die Andachten für die Sommerzeit werden kostenlos an die Gemeinden der EmK in Deutschland abgegeben.
Sie dienen keinem kommerziellen Zweck und werden aus Mitteln des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert.