Taumelnde, herumirrende Menschen. Schönen Frauen. Junge Männern. Von ihnen lesen wir im heutigen Bibeltext. Sie alle haben Hunger und Durst. Durst nach Leben und Gotteshunger. Verlangen nach Sinn, Bestätigung, Zugehörigkeit, Sicherheit, Frieden und Gerechtigkeit. Offenbar fehlt es an diesen „Lebensmitteln“. An dem, was Leben erfüllt und trägt.
Gott handelt hier konsequent. Er überlässt die Menschen sich selbst und zieht sich zurück.
Die Menschen im Nordreich Israel hatten Gott vergessen. Arme wurden ausgebeutet, Preise stiegen (und ja - der Döner wäre teurer geworden). Schwache wurden übersehen, leise Stimmen stumm gemacht. Erfolg und Stärke waren alles, Macht dient nicht den anderen, sondern dem eigenen Vorteil. Sie lebten so, als bräuchten sie Gott nicht, weil anderes wichtiger geworden war.
Und trotzdem war Gottes Wort da, durch Amos einem einfachen Landwirt, der Gerechtigkeit verkündete, aber ignoriert wurde. Die Menschen wollten ohne Gott glücklich werden, jetzt müssen sie ohne ihn unglücklich bleiben.
Dann ändert sich plötzlich alles: Gott zieht sich zurück.
Und erst jetzt merken sie, was fehlt. Ein Hunger nach Orientierung, Wahrheit und Trost entsteht, aber Gott schweigt.
Willkommen am Tiefpunkt: Nicht, dass Gott wütend ist, sondern dass er still ist.
Dieser Text trifft mich, weil ich hier eine Seite Gottes entdecke, die wehtut. Gott schweigt bewusst und zieht sich zurück (s. Vers 12).
Und dann ein Gedanke, der mir kommt, was Gott mit seinem Tun eigentlich bezwecken möchte: Vielleicht solidarisiert sich Gott mit denen, die damals stumm gemacht wurden.
Das öffnet mir die Augen und Ohren. Wer wird heute überhört? Wer an den gesellschaftlichen Rand gedrängt?
Der fordert mich heraus genau hinzuhören. Hören auf Gottes Wort, das so manches infrage stellt, was in unserer Zeit so wichtig erscheint. Amos proklamiert das Recht. Gott steht auf der Seite derer, die unter Macht leiden.
Vielleicht ist Gottes Schweigen nicht das Ende. Vielleicht ist es ein Spiegel. Ein lautes Fragezeichen. Ein Raum,
in dem wir uns selbst begegnen können. Manchmal muss etwas fehlen, damit wir wieder merken, wir sehr wir
es brauchen.
Gott zieht sich zurück. Nicht um zu bestrafen, sondern um wachzurütteln. Um Sehnsucht zu wecken. Um deutlich zu machen, dass Leben ohne ihn zwar laut, gefüllt und erfolgreich sein kann, aber am Ende leer bleibt.
Da, wo wir die Not unserer Zeit wahrnehmen, wo Ungerechtigkeit uns nicht mehr egal ist, wo unsere Sehnsucht wieder Raum bekommt.
Dort beginnt Gottes Stimme neu hörbar zu werden.
Und vielleicht ist die wichtigste Frage nicht:
Warum schweigt Gott?
Sondern eher worauf macht mich dieses Schweigen aufmerksam?
Vielleicht beginnt an dieser Stelle wieder ein neuer Anfang.
Ein Anfang des Hörens.
Ein Anfang der Sehnsucht.
Ein Anfang, an dem wir Gott nicht überhören, sondern wieder suchen.
Toby Zucker, Diakon & Referent für missionarische Jugendarbeit im Kinder- und Jugendwerk Süd
Die Andachten für die Sommerzeit wurden von Jugendlichen, Teenagern und jungen Erwachsenen der Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK) in Deutschland verfasst.
Sie spiegeln die Breite des Glaubens und Denkens von jungen Menschen wieder. Die Verantwortung für den Inhalt liegt deshalb bei den AutorInnen.
Die Andachten für die Sommerzeit werden kostenlos an die Gemeinden der EmK in Deutschland abgegeben.
Sie dienen keinem kommerziellen Zweck und werden aus Mitteln des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert.