Ein langer Tag geht zu Ende. Erst versammelten sich eine riesige Menschenmasse rund um Jesus. Dann sollen alle noch etwas zu essen bekommen und bekommen es auch – aus 5 Broten und 2 Fischen! Ist das nicht im wahrsten Sinn des Wortes wundervoll? Nicht nur die Bäuche, sondern auch die Köpfe sind voll. Jetzt endlich mal eine Auszeit! Raus auf den See, zur anderen Uferseite. Jesus kommt dann nach.
Plötzlich geschieht etwas, womit keiner so richtig gerechnet hat. Die Jünger umgibt eine Situation völliger Ohnmacht. Sie sind auf einem Kilometerbreiten See und werden von einem Sturm gepackt. Einfaches Rudern bringt sie da nicht heraus. Und wo ist jetzt nochmal Jesus geblieben?! Ohnmacht. Da ist sie! Das Gefühl existenzieller Not. Wie schnell Blicke ich auf diese Geschichte mit den Gedanken „haben sie kein Vertrauen auf Jesus?“ … Aber ist ihr Verhalten nicht total menschlich? Kann ich die Jünger überhaupt verurteilen Angst zu haben, da ich den Ausgang der Geschichte doch kenne? Vielleicht kennst du das ja. Man fühlt sich gefangen in einer Situation, ohne Aussicht auf Befreiung. Gefangen in Strukturen des Alltags, der Arbeit, familiärer Verhältnisse, Beziehungen …
Den Jüngern jedenfalls geschieht etwas unfassbares. Da kommt etwas auf dem Wasser zu ihnen. Sie wissen nicht recht damit umzugehen und fürchten sich. Fürchten sich vor Entsetzen oder auch dem Gefühl etwas oder irgendwem gegenüberzustehen das größer ist als sie. In einer Situation, wo sie umfängliche Gott-Verlassenheit spürten, kommt nun Jesus zu ihnen und spricht: „Ich bin’s, fürchtet euch nicht!“ (Joh 6,20). Worte voller Kraft umkreisen nun die Jünger. Atemberaubende Wunder haben sie den Tag über erlebt, aber selbst daran zu glauben, dass sie ein Teil davon sein könnten, gelingt ihnen erst da Jesus ihnen persönlich auf dem Wasser gegenübersteht. Geht es mir nicht ähnlich wie den Jüngern? Manchmal ist es nur wenige Tage, gar Stunden her, da ich die Größe und Stärke Gottes erfahren habe, mich aber der Wind wieder ins Wanken bringt, als hätte ich Gott noch nicht erkannt.
Schimpfe ich im Angesicht dieser Geschichte nicht auch manchmal auf Gott? Prangere ich ihn an, mir nicht geholfen zu haben, wo ich es gebraucht hätte, wo ich gebetet und gefleht habe, dass er mir doch zur Hilfe kommt? Ist es fair? Wo erlebe ich Leid und Trauer, wo andere einen Weg aus der Not finden durften, wie auch die Jünger? Kennst du das? … Dich konfrontieren Situationen, wo du im Nachgang nicht recht weißt, ob Gott in all dem wirklich da war und dir zur Seite stand? Aber ist es nicht gerade da, wo wir an Gott verzweifeln, dass seine oder auch ihre Größe und Kraft am stärksten in mir und in dir werden? Da wo ich versage, wo meine Kraft nicht reicht, und die Umstände größer zu werden scheinen als Gott selbst – ist es da nicht die vollkommenste aller Begegnungen, die ich mit Gott haben kann?
Wie tröstend kann diese Geschichte da sein - wie sensibel das Wirken Gottes gezeichnet werden? Nicht verurteilend, nicht herabwürdigend, sondern gerade so, wie ich es ertragen kann. Wie unbedeutend erscheinen die Umstände, da die helfende und tröstende Hand Gottes uns entgegengestreckt wird, sodass wir, als wäre nichts gewesen, wieder in sicherem Hafen landen können.
Mögen die Stürme toben, und auch wenn der Herr selbst sich uns offenbart, ist seine Größe im Angesicht seiner eigenen Schöpfung - wir Menschen, als auch der Sturm und das Meer selbst – unermesslich und uns doch so nah und bergend, dass alle Blicke auf ihn gerichtet sind, und das Toben der Welt für einen Moment nicht mehr wichtig ist.
Franz Rochlitzer, Moritzburg
Die Andachten für die Sommerzeit wurden von Jugendlichen, Teenagern und jungen Erwachsenen der Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK) in Deutschland verfasst.
Sie spiegeln die Breite des Glaubens und Denkens von jungen Menschen wieder. Die Verantwortung für den Inhalt liegt deshalb bei den AutorInnen.
Die Andachten für die Sommerzeit werden kostenlos an die Gemeinden der EmK in Deutschland abgegeben.
Sie dienen keinem kommerziellen Zweck und werden aus Mitteln des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert.